24 September 2014

Fahrt ins Nirgendwo oder wo komme ich her?

Vor mehr als sieben Jahren zog es mich direkt nach dem Abitur nach Kiel (Nein, das ist nicht die Welt, aber von hier aus erreicht man sie ganz gut). Ein freiwilliges soziales Jahr und dann das Studium, da war natürlich auch die Liebe, die mich in den noch höheren Norden zog. In einem Kaff direkt an der Elbe aufgewachsen, das genau diesen Namen verdient. Umzingelt von Atomkraftwerken, ungeklärten Krankheits- und Todesfällen und der penetranten Borniertheit der Bewohner.
Individualismus ungewollt, weil dieser nicht einfach händelbar ist, so wie alles was nicht den jahrhundertealten Normen entspricht. Demnach gilt für die wenigen Menschen mit ausreichender Bildung und einem Kopf mit Gedanken frei wie Vögel, dass einzig die Flucht hilft. Da die lebenden Familienteile schon längst den Weg der Zivilisation eingeschlagen haben, war es auch für mich nicht schwer.

In der letzten Woche verweilte ich einen Tag in der Geburtsheimat (ich glaube so kann man es am besten bezeichnen) und es zeigte sich, dass dort zwar eine wunderschöne Landschaft zu finden ist, mich aber nichts zurückzieht. Obwohl ich sehr fasziniert war von dem Verfall einer Region durch Landflucht, die vor vielen Jahren einmal wahrlich blühte. Deswegen habe ich mir vorgenommen nächstes Jahr einmal wiederzukommen und diesem Verfall ein paar Bilder zu widmen (Liebe Neoliberale, eure Theorien könnten in keiner Region besser widerlegt werden als in jener). Ich hatte in den Weiten der Natur übrigens durchaus eine schöne Kindheit und habe die Nähe zum Meer und das Aufwachsen á la Pippi Langstrupf sehr genossen, doch heute würde ich keinem Kind mehr zumuten in einer solch  (bildungs-) kargen Gegend aufzuwachsen.
Hier findet ihr übrigens einen sehr lesenswerten Artikel, der das Leben von Menschen im Nachbardorf beschreibt und zu großen Diskussionen führte. Für den einen stellt die Weite der Ländereien bis zum Deich die Unendlichkeit dar, für andere ist der Blick über den Deich die einzige Möglichkeit sich am Leben zu erhalten.
Wie verhält es sich mit eurer 'Heimat'?  Identifiziert ihr euch noch mit eurem Geburtsort und der Region eurer Kindheit und Jugend?

Habt einen schönen Tag ☼

Kommentare:

  1. Da ich heute noch (oder wieder nach kurzer Studienabwesenheit) in meiner Heimatstadt lebe, fühle ich mich hier schon irgendwie verwurzelt. Allerdings habe ich inzwischen eine zweite Heimat in Frankreich gefunden, wo ich mich nun auch sehr zuhause fühle und wo ich auch meine ferne Zukunft gerne verbringen möchte. In dieser Beziehung schlagen zwei Herzen in meiner Brust und ich bin gespannt, ob das Thema Heimat im Alter bedeutender wird als es das im Moment für mich ist.
    Liebe Grüße und vielen Dank für deine schönen Gedanken und Denkanstöße,
    Dani

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    1. Das finde ich sehr spannend! Eine zweite Heimat, die sich anders als bei einem Umzug, langsam und parallel entwickelt. Eine Entwicklung die ich mir gut vorstellen kann, besonders wenn die Gegend so wundervoll ist wie bei euch 😉

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  2. Ach Heimat. Das ist so eine Sache, ne?! Ich lebe ja derzeit in der Nähe und fühle mich ziemlich wohl. Aber direkt in mein Dorf. .. ne, das würde ich auch nicht wieder wollen. .. ;)

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    1. Seltsam, oder? Ich finde die ganze Natur ums Dorf unglaublich schön. Doch irgendwie hat man eine Entwicklung mitgemacht, bei der einem die negativen Seiten dann doch auffallen. Außerdem hast du ja jetzt deinen eigenen Wohntraum;)

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  3. Huhu liebe Franse,
    schön hast du geschrieben! ... Ich hab nach dem Abitur meine Heimat verlassen, das Studium hat mich in ein anderes Bundesland gelockt, im Anschluss ging es noch ein wenig ins Ausland. Aber irgendwie wusste ich schnell, dass ich mich in Heimatnähe am wohlsten fühlen würde. Heute wohne ich ca. 60km von meiner richtigen Heimatstadt entfernt - nicht allzu weit und trotzdem bin ich nicht allzu oft dort. Aber wenn ich da bin, ist es richtig toll! Meine Eltern, die Natur, alles drumherum. Aber richtig hinziehen würde ich dennoch nicht mehr wollen. Vielleicht wäre auch genau dieses Tolle nicht mehr ganz so toll :)

    Ganz liebe Grüße
    Nadja & filigarn

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    1. Genau, dieser romantische Gedanke des Heimatortes ist dann irgendwann nicht mehr so schön. Kann es sein, dass man Angst hat sich nicht weiterentwickeln zu können, wenn man zurückzieht?

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  4. Ach, wie ist das bei mir? Ich lebe mit einer kurzen Auszeit schon immer in meiner Heimat. Ich fühle mich hier wohl

    Liebste Grüße zu dir :-)

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    1. Es ist schön, wenn man zurückfindet und glücklich wird. Immerhin bietet Deutschland ja auch wirklich schöne Ecken ;)

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  5. Ich lebe in der Geburtsheimat, habe meine Auseinandersetzungen mit ihr und werde meine Kinder doch wo anders aufziehen - bald- aber irgendwie doch in der Nähe. Nur Geschichten von Menschen füllen ein Land. Deine scheinen nicht immer bunt gewesen zu sein.

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    1. Interessant ist, dass so viele Menschen genau wie ich über die Region denken. Sie dafür aber mal weg gewesen sein müssen. Es ist schön, wenn Menschen in ihrer Region leben und glücklich sind. Aber ich glaube auch, dass unsere Generation die Kinder einerseits modern, andererseits im Einklang mit 'ländlichen' Gepflogenheiten (diese Ruhe!) aufwachsen lassen möchte..

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  6. Meine Heimat stelle ich morgen auf meinem Blog vor...;-). Sehr interessant, dein Post...du kannst ihn gern morgen verlinken! LG Lotta.

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  7. Eine besondere Landschaft - schade, dass du das Gefühl hast flüchten zu müssen. Aber Wohlfühlen ist alles.
    Über den Horizont schauen - gewohntes verlassen, um es neu zu erfassen. Meine Heimat ist nicht lokal verortet. Heimat sind die mir wichtigen Menschen im Leben. Das moderne Dasein fordert Bewegung, Veränderung. Wandel als Konstante. Anstrengend und sehr bereichernd. Lieben Gruß zu dir Iris

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  10. War kürzlich mit meinen Kindern in meiner alten Heimat unterwegs. Per Fahrrad und auf Spurensuche. Is vieles anders als früher, die Zeit eben. Aber vieles ist´s eben auch wert, nicht vergessen zu werden. Is so.
    Der Artikel über die Menschen im Nachbardorf ist übrigens klasse. Is so.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  11. Das klingt ja ganz schön krass.
    Ich wohne nicht allzu weit von meinem Geburtstor entfernt, deswegen fühle ich mich so gar ncht "entheimatet". Ich wollte allerdings auch nie wieder zurück, obwohl ich erst am Wochenende bei einem Besuch meiner Eltern dachte: "Mensch, dieser Ort ist eigentlich richtig schön".
    Ich wünsche dir noch eine gute Woche
    Jutta

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  12. Ein guter Artikel! Deiner und auch der von der Welt. ;) Ich bin ein großer Thees Uhlmann - Fan und fand die Gegend, um die es hier geht immer interessant.
    Ich bin in München geboren und schäme mich fast jedes Mal, mich als Bayer zu outen. Mag daran liegen, dass meine Familie als Flüchtlinge in diese Gegend kam und irgendwie immer abgelehnt wurde. Tja, danach bin ich in die nächste Gegend gezogen, die mir nicht liegt. Anderes Land, andere Stadt - aber alles nur wegen des NCs - vor allem dem meines Freundes.
    Wir träumen viel von Heimat und wo die sein soll. Momentan "Heimat" noch unsere Wohnung. Mittlerweile sind wir da sehr offen und irgendwie ist dieses Träumen sogar sehr positiv, weil es uns anspornt, motiviert und Vorfreude macht.

    Ich finde interessant, wie doch Heimat so unterschiedlich verstanden wird. Ich kann sehr gut nachvollziehen, was du schreibst und doch ist bei mir Heimat, Wohnort,… so anders belegt.

    Ich habe angefangen, mich als Deutsche zu fühlen, habe gemerkt, dass ich das nicht ablegen kann - für alles andere bin ich offen. Und freue mich schon drauf ENDLICH Wurzeln zu schlagen, Kontakte auf lange Zeit haben zu können und sich angekommen zu fühlen.

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Danke und Ahoi!