19 August 2015

Willkommen in Deutschland!*

Dieser Blog stellt einen Ausgleich zu meinem politisch-wissenschaftlichen Alltag dar, doch es gibt diesen Moment da du aufstehen und schreien musst, jede "schöne" Blogfassade nicht mehr gilt. Die unzähligen Ressentiments dieser Tage sind nicht zu ertragen, die Taten und Untaten mancher Menschen unfassbar. Schreie ertrinkender Menschen und den Bombenhagel syrischer, jemenitischer, nigerianischer oder vieler anderer, von bewaffneten Konflikten gebeutelten Städte wünsche ich den Ungläubigen in ihre Köpfe, wie einen akuten Tinnitus. 

Meine eigene Geschichte ist weit entfernt von Flucht, Krieg, Angst und Unsicherheit. Doch mittlerweile weiß ich, dass mich eine Begegnung sehr geprägt hat und jeder etwas tun kann, ob mit einer gesunden Einstellung zu Flucht und Vertreibung oder direkt vor Ort. Nur so können die Pauschalisierungen und Mauern in den Köpfen durchbrochen werden.

In meiner Kindheit zog eine Mutter mit drei Kindern in ein leerstehendes Gebäude des alten Krankenhauses im Dorf. Sie war aus dem Sudan geflohen und hatte es - auch ohne ihren Mann - geschafft mit den Söhnen und der Tochter nach Deutschland zu gelangen. In einem konservativen norddeutschen Dorf war man als Afrikaner nicht so gern gesehen, so der allgemeine Tenor. Doch ich erinnere mich daran, dass schon in den ersten Tagen meine Mutter ganz selbstverständlich zum Begrüßungsbesuch zu den neuen Nachbarn ging und Geschenke mitbrachte. Natürlich war die Kommunikation schwierig, doch mit jedem Tag, jedem Spiel und jedem Lachen wurde es einfacher miteinander und ich wurde mit der Zeit zu einer Art viertem Kind.

Man zeigte mir, dass Unterstützung in Form von Hilfe, Herz und Hirn ganz selbstverständlich in Freundschaft und Sicherheit münden kann. Barrieren als Schutz vor dem Fremden waren unnötig. Als der Vater es endlich nach Deutschland schaffte, wunderte ich mich nicht über die fehlenden Finger an seiner rechten Hand und erst Jahre später wurde mir mit der ganzen Geschichte ihrer Flucht klar, mit welcher Grausamkeit Geflüchtete oft schon im Kindesalter konfrontiert werden. Die kindliche Nähe und vielleicht auch Naivität zur Flucht, die entstandenen Freundschaften und die Selbstverständlichkeit des Willkommenheißens prägen mich bis heute, sind Teil meiner Werte und Moral - ein richtiger "Gutmensch" also. Würg!
Viele Jahre ist das nun her, aber Ende des letzten Jahres schnürte sich mein Hals endgültig zu bei den Berichten über Konflikte im Nahen Osten (und nicht nur dort), Giftgasangriffe und ertrinkende Menschen auf dem Mittelmeer. So manches Mal hätte ich gern meinen Rucksack genommen und wäre einfach weggefahren, dorthin wo man anpacken kann. Hätte, wäre, könnte. Aber ich begann mich umzuhören und erhielt immer mehr Informationen zu Möglichkeiten sich zu engagieren. Der Kieler Flüchtlingsrat, das nettekieler Ehrenamtsbüro und auch das Rathaus erteilten rege Auskunft. Mich zog es dann zu einer Willkommensinitiative, die in Zusammenarbeit mit dem christlichen Verein, der für die Ausstattung der Unterkünfte zuständig ist, der Zentralen Beratungsund Bildungsstelle für Migrantinnen und Migranten e.V. (ZBBS mit wirklich nützlichen Projekten) als "Sprachlernrohr" und vielen Helferinnen und Helfern der Zivilgesellschaft wie selbstverständlich die Ankunft der Geflüchteten vorbereitete. Das ganze wurde gemeinsam mit Geflüchteten organisiert, die im letzten Jahr nach Kiel kamen. 

Willkommenstüten mit Lebensmitteln für die ersten Tage, während denen Bürokratie an der Tagesordnung steht und keine Zeit für Einkäufe bleibt, Willkommensabende mit syrischen Leckereien und erste Spaziergänge in der neuen Umgebung gehörten dazu. Doch mit der Ankunft der ersten 100 Menschen kamen neue Aufgaben hinzu, denn anders als vermutet und angekündigt kamen nicht nur "die jungen Bengels und Sozialschmarotzer", wie ich neulich so schön zu hören bekam, sondern junge Frauen, alte Damen, Schwangere, Kinder, Jugendliche, Babys und Menschen mit geistiger Behinderung und Hörschädigung. Die Hilfe bei der Ausstattung mit dem Nötigsten, Arztbesuche und der Aufbau einer nachhaltigen Struktur durch Sprachkurse [die während des laufenden Asylantrags, mitunter bis zu vier Jahre, nicht bezahlt werden. Integrationsverweigerung und so ;)], Fahrradwerkstatt, Solidaritätsmitgliedschaften im Sportverein und Nähkurse. Es geht immer weiter und es werden immer helfende, aber auch gebende Hände benötigt.
Ich möchte euch ermutigen aufzustehen, hinzugehen und die Menschen willkommen zu heißen, zu helfen, zuzuhören und unsere deutsche Geschichte nicht zu vergessen - auch die Fluchtschicksale der DDR nicht. Es wird zwar nichts an den Fluchtursachen ändern, aber wir können Menschen dabei helfen mit ihrem Schicksal umzugehen.

Wie kann ich in Kiel helfen? Was kann ich tun?
  • Die Stadt Kiel bietet eine gute Übersicht über Möglichkeiten sich zu engagieren.
  • Viele inspirierende Kieler Projekte werden bei Funkenzeit vorgestellt.  
  • Das Glückslokal in der Alten Mu nimmt gern Kleidung und Alltagsgegenstände entgegen, die speziell an die Geflüchteten in Kiel geht (sagt dann einfach, dass es für Geflüchtete sein soll).
  • Was ganz aktuell benötigt wird, findet ihr z.B. in der Facebookgruppe WillkommensInitiative Kiel Friedrichsort.  
  • Wem das alles zu anstrengend ist, kann sich gern bei mir melden, da ich selbst sammel (Kleidung für Männer in Größe M, Frauen, Kinder, Babys, Schuhe, Stoffe und Wolle, Fahrräder, Haushaltsgegenstände, Schreibwaren, Hygieneprodukte) und regelmäßig in der Unterkunft vorbeikomme.
  • Schaut in der Kieler für Flüchtlinge Gruppe auf Facebook vorbei und spendet was tagesaktuell benötigt wird!
  • Überall anders: Ruft im Rathaus an, erkundigt euch beim DRK in eurer Region oder auch bei der Kirche. Man hilft euch sicher gern weiter.
  • Ganz einfach geht es auch bei Blogger für Flüchtlinge, wo ihr unglaublich viele tolle Stimmen zum Thema findet!
Viele andere engagierte Bloggerinnen und Blogger findet ihr mit ganz individuellen Blickwinkeln gesammelt von Minza!

*Willkommen in Deutschland - Die toten Hosen

Kommentare:

  1. Was für eine Geschichte und wunderbar was Du heute tust! Und: Verblüffend ähnliches habe ich als Kind erlebt. Bei mir waren es Tamilen. Ich habe es überhaupt nicht hinterfragt warum die plötzlich da waren. Ich bin mit meiner Mutter dahin gejuckelt und man traf sich immer wieder und so gab es für mich halt n paar mehr Kinder in der Nachbarschaft, manche fand ich doof, mit anderen war ich dicke. Normal halt. Wie prägend und wichtig es ist, auch Kinder mit einzubeziehen, wird mir gerade durch Dein Erzählen noch einmal mehr deutlich!

    Danke Dir, liebe Franse!

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    1. Manchmal frag ich mich woher nur diesen vielen Parallelen kommen ;)

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  2. Liebste Franse. Die Aktionen der Willkommensinitiative sind wirklich wunderbar. Ich bin froh, auf die Ferne zumindest finanziell unterstützen zu können. Und ich finde, das sollten eigentlich alle tun. Wenn man sich nicht traut / keine Zeit nehmen will oder kann ... dann kann man zumindest finanziell solche Aktionen unterstützen.
    Liebste Grüße zu dir
    Eva

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    1. Ja Eva, wer will der kann und ich mag, dass du auch so denkst und wir alle doch irgendwie unsere Krümel zum großen Kuchen dazugeben. Und wenn ich nicht materiell helfen kann und will, dann vielleicht mit offenen Ohren oder netten Worten :)

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  3. Danke!
    Wenn ich selbst wieder fitter und mich im Familienleben eingelebt habe, möchte ich gucken, ob ich speziell was für Schwangere oder Mütter mit kleinen Kindern tun kann. Wie aufregend so eine Zeit ist, erlebe ich selbst gerade - und dann noch Flucht, (Todes-)Angst etc. Uff...

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    1. Das finde ich klasse! Es ist vielleicht auch einfach das Gefühl für die Frauen, dass sie nicht allein sind, dass andere Mütter da sind und mit ihnen fühlen, ähnliche Probleme und Gedanken haben. Ich freue mich sehr, dass du auch "mitmachen" möchtest und glaube, dass es sehr bereichernd für beide Seiten ist ♥

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  4. Danke! Ich wünschte, ich hätte auch den Mut deiner Mutter! Aber ich hoffe, dass ich auf meine Art auch meinen Teil beitragen kann.

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  5. *Daumen hoch!* lass mal was zusammen machen....;-)

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Danke und Ahoi!